Die Sage

Der Waldgeist im Waldgrain

Zwischen Bergheim und Raderach liegt ein Wald der den Namen Waldgrain trägt. Hier hauste in früherer Zeit ein unheimlicher Spukgeist, Waldgeist oder auch Schrat genannt.

Zu Lebzeiten war dieser Waldgeist ein Wilddieb und Räuber, vor dem sich die ganze Gegend fürchtete. Mitten im Wald bewohne er eine verborgene Höhle, die kein Mensch ausfindig machen konnte; hier war alles aufgestapelt, was er sich zusammengeraubt hatte. Aus Vorsicht betrieb er seine Wildereien meist weit entfernt von seinem Schlupfwinkel, streifte bis an die bayerische Grenze und wurde öfters im Allgäu gesehen. Kam ihm ein Jäger in die Quere, so machte es ihm nichts aus, ihn wie ein Stück Wild abzuschießen. Gefasst wurde er nie. Da er durch seine Streifzüge jeden Weg im Wald kannte, wusste er ganz genau wo Kaufleute und Wanderer mit Waren oder Geld durchzogen. Dann griff er sie an, beraubte sie und wenn sie sich wehrten, scheute er auch nicht vor einem Mord zurück. Wenn es ihm gelang ein Fuhrwerk zu überwältigen, spannte er oft die Pferde aus und ritt mit den Tieren eiligst davon. In der benachbarten Gegend verkaufte er dann die Rosse wieder. So brachte er in Ravensburg so manches Tier an den Mann.

Mit der Zeit wurden die Gräueltaten des „Waldgeistes“ so bekannt im Umkreis, dass man beschloss, ihn zur Strecke zu bringen. Bewaffnete wurden aufgeboten. Sie schlossen um ihn einen Kreis, den sie immer enger zogen, bis schließlich an ein Entkommen nicht mehr zu denken war. Jetzt flüchtete der Räuber in seine Höhle. Aber man hatte ihn gesichtet und von allen Seiten stürmten die Verfolger auf ihn ein. Um ihnen nicht lebendig in die Hände zu fallen, beendete er sein Leben mit einem Schuss. Die ganze Gegend atmete erlöst auf. Freilich; der Räuber war tot – aber sein Geist ging jetzt um!

Wenige Wochen später vernahm man nachts im Waldgrain ein fürchterliches heulen und johlen. Es hörte sich an, als schreie jemand um Hilfe. Eilten die Leute herbei, so war niemand zu finden. Sie kamen dabei vom rechten Weg ab und mussten dann oft bis zum Morgengrauen umherirren. Auch Fuhrleute, die der Weg nachts durch jenen Wald führte, wurden angehalten. Nicht selten kam der Schrat als Jagdhund auf die Riedwiesen und verjagte den Hirtenbuben das Vieh, das sie erst andern Tags wieder fanden. Doch endlich wurde die Gegend auch von dieser Plage befreit, fromme Menschen stifteten ein Opfer für die Erlösung des Waldgeistes und der Spuk nahm ein Ende.